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Wie Kuba mit seinem Paradigma für Epidemien-Erforschung und Soziale Medizin die jahrzehntelange Blockade herausfordert

Von Frederico Füllgraf | Nachdenkseiten

 

Mitte März in der karibischen See. Das Kreuzfahrtschiff MS Braemar treibt erratisch zwischen den karibischen Inseln. Es befinden sich mehr als 1.000 Passagiere an Bord. Fünf von ihnen wurden positiv auf das Coronavirus getestet. Die Sorge ist indes noch etwas akuter: 21 Besatzungsmitglieder und 22 Passagiere wurden wegen grippeähnlichen Symptomen isoliert.

Das Schiffskommando beschließt, die Kreuzfahrt abzubrechen oder wenigstens die Virus-Erkrankten und die Symptomverdächtigen umgehend einer Hafenbehörde zur sofortigen Behandlung zu übergeben. Doch die am nächsten liegende, britische De-facto-Kolonie der Bahamas-Inseln winkt ab. Also geht die MS Braemar 25 Meilen von den Bahamas entfernt vor Anker. Zu den Reisenden zählen Bürger aus Australien, Belgien, Kolumbien, Kanada, Irland, Italien, Japan, den Niederlanden, Neuseeland, Großbritannien, Norwegen und Schweden. Eine 7-Tage-Kreuzfahrt kostet je nach gebuchtem Paket von 800 bis 3.500 Euro pro Person. Für eine drei- bis vierwöchige Weltumschiffung müssen also bis zu 15.000 Euro hingeblättert werden und das ist nur für höhere Einkommen erschwinglich.

Die MS Braemar gehört der Fred Olsen Cruise Lines und diese ist ein Einzelunternehmen der gleichnamigen, norwegischen Milliardärsfamilie. Die Fred-Olsen-Gruppe begann als kleine Reederei und besitzt heute Öltanker-Flotten, Windenergie-Unternehmen und betreibt weltweit gigantische Bohranlagen.

„Thank you Cuba!“

Die Olsen-CEO ist die jovial wirkende Anette Sofie Olsen, oft zitiert als die mächtigste Frau Norwegens, doch das British Empire, wo die MS Braemar beheimatet ist, kümmert das wenig. Und dann passiert das Ungeahnte: Die Regierung Kubas genehmigt das Andocken des mehrstöckigen Dampfers.

Doch im Gegensatz zum chilenischen Feuerland – wo ein anderes Kreuzfahrtschiff aus ähnlichen sanitären Notgründen anzulegen versuchte und von der Lokalbevölkerung aufs Übelste beschimpft und abgewiesen wurde – lief die MS Braemar unter Applaus im Hafen von Mariel ein, wo die kubanischen Behörden mit strengen, jedoch freundlich angewendeten sanitären Isolierungsmaßnahmen die Passagiere zum Flughafen von Havanna transportierten und mit Charterflügen nach Großbritannien beförderten.

Anthea Guthrie, eine 68-jährige Engländerin, gedachte Kubas Volk und Regierung auf Facebook mit dem Titel „Danke Kuba, dass Du uns Dein Herz geöffnet hast“ und schrieb: „Könnten alle meine Freunde ihre Gläser zum Wohl Kubas anstoßen und sich daran erinnern, dass Kuba einen Schritt nach vorne gemacht hat, als niemand anderes uns von Bord lassen wollte? Am Mittwoch oder Donnerstag von Kuba nach Hause fliegen. Liebe Grüße an alle, die unser großes Abenteuer verfolgt haben“. Das war am 16.März.

Eine Woche später fliegen 52 kubanische Ärzte und Krankenpfleger im weltweiten Kampf gegen das Corona-Virus zum Noteinsatz nach Italien. Sie werden im Umkreis der schwer betroffenen lombardischen Stadt Bergamo eingesetzt. Einen Tag zuvor waren acht medizinische Brigaden mit etwa 100 Militärspezialisten für Virologie und Epidemiologie sowie Desinfektionssysteme der russischen Streitkräfte in Italien gelandet.

Parallel dazu entsandte Kuba Corona-Notbrigaden mit insgesamt 261 Mitgliedern nach Nicaragua, Suriname, Granada und Jamaika. Als Axel Kicillof, Gouverneur der argentinischen Provinz Buenos Aires, seinen Notruf an ausländische Epidemie-Spezialisten vermittelte, bot Kuba sofort Hilfe mit 500 Ärzten und Sanitätern an. Nach offiziellen Angaben sind derzeit rund 30.000 kubanische Angestellte des Gesundheitssektors in 61 Ländern Afrikas, Mittelamerikas und Asiens tätig.

„Sofort Sanktionen aufheben!“

Viele Menschen fragen sich, wie ist und war es bisher möglich, dass ein seit mehreren Jahrzehnten unter politisch motivierten Wirtschaftsblockaden der USA und Teilen der EU leidendes Land wie Kuba zu solchem Engagement fähig ist.

Daher forderte eine Gruppe von US-Ökonomen im Hinblick auf die Corona-Pandemie die Donald-Trump-Regierung auf, die Sanktionen, die unter anderem Kuba, Venezuela und Iran bestrafen, unverzüglich aufzuheben. Die Wissenschaftler machten deutlich, dass ihre Forderung nach Aufhebung der Sanktionen das Ziel verfolge, die Zunahme der Todesfälle durch Covid-19 zu vermeiden, wovon mittlerweile fast eine halbe Million Menschen weltweit betroffen ist. „Diese Politik ist übertrieben und verletzt auf eklatante Weise das Völkerrecht. Schlimmer noch, sie schürt jetzt die Coronavirus-Epidemie. Die USA müssen diese unmoralischen und illegalen Sanktionen unbedingt aufheben, damit der Iran und Venezuela so effektiv und schnell wie möglich gegen die Epidemie vorgehen können“, erklärte Jeffrey Sachs, Professor und Direktor des Zentrums für nachhaltige Entwicklung an der Columbia University.

Die Forderung der US-Wirtschaftswissenschaftler erfolgt zu exakt dem Zeitpunkt, als die Trump-Regierung mit ihren Satelliten-Regierungen, wie dem brasilianischen Bolsonaro-Regime, die Corona-Krise mit geopolitischer Trickserei zu verschärfen versucht. Monate zuvor hatten das Weiße Haus und das State Department die Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) für eine hanebüchene Diffamierungskampagne gegen die kubanischen Ärztebrigaden in ihren Dienst gestellt.

Die extreme Rechte um Donald Trump – in Sachen Kuba beraten von der rechtsradikalen kubanischen Exilanten-Szene in Florida, unter Führung von Senator Marco Rubio, und im State Dept. angeführt vom evangelikalen Altright Mike Pompeo – behauptet seit 2019, die kubanischen Ärzte seien „Sklaven“ ihrer Regierung, weil sie rund 70 Prozent der von den Gastländern ausgezahlten Löhne, die in der Regel zwischen 2.000 und 3.000 US-Dollar liegen, an die Regierung abführen. Eine Unterstellung, die auch der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro nachgeplappert und mit der lächerlichen Behauptung ausgeschmückt hat, die Ärzte seien in Wahrheit verschleierte „Agenten“ und „Guerilleros“ mit dem Ziel der Bildung „terroristischer Zellen“. Die kubanischen Ärzte entgegneten mehrfach darauf, sie akzeptierten freiwillig die Verträge über ihre Auslandseinsätze, denn der daraus erzielte Gewinn ermöglicht ihrer Regierung, die mühevoll aufgebaute, sozialorientierte Gesundheits- und Bildungssysteme aufrechtzuerhalten und Neuinvestitionen zu tätigen. Dieser sogenannte „medizinische Export“ ist neben dem Tourismus einer der Motoren der Wirtschaft des sozialistischen Landes und belief sich 2018 nach offiziellen Angaben auf einen Umsatz von rund 6,3 Milliarden US-Dollar.

Doch zurück zu den historischen Anfängen der Ärztebrigaden.

Che Guevara und die Anfänge der Sozialen Medizin in Kuba

Kinofreunde werden sich erfreut an den Spielfilm Die Reise des jungen Che des brasilianischen Regisseurs Walter Salles erinnern. Doch was hat der Film mit der Aktualität zu tun? Eine ganze Menge. Mit einem Abstecher in das peruanische Amazonien engagierte sich der damalige Medizinstudent Ernesto Guevara Lynch während der Reise als Freiwilliger im Kampf gegen die Lepra-Tragödie in San Pedro, Cerritos, Diamante und General Rodríguez. Guevara litt selbst unter Asthma und widmete sich bereits nach dem 4. Studiensemester der Allergien-Forschung. Der Schock beim Anblick der verwahrlosten Lepra-Kranken löste in ihm während der Reise Ende der 1950er das Konzept der Sozialmedizin aus, das er später in Kuba einführte, wo er als der Che bekannt wurde.

„Dieses Verständnis (von Medizin) ist etwas, das in die Psyche kubanischer Ärzte und Krankenschwestern eingebaut zu sein scheint – die Idee, dass „ich ein Beamter bin“, erklärt Gail Reed, Mitbegründerin der Medical Education Cooperation with Cuba (MEDICC). „Ausgangspunkt ist ein Verpflichtungs-Bewusstsein, die Gesundheitsversorgung zum allgemein anerkannten Recht zu erheben“.

Doch der Che forderte, die sozial ausgerichtete Medizin müsse Bestandteil des politischen Internationalismus sein. Die Folge davon ist, dass, wenn kubanische Ärzte die medizinische Fakultät abschließen, sie die Möglichkeit haben, sich als Freiwillige für medizinische Missionen bei Epidemie-Ausbrüchen oder Naturkatastrophen zu melden. Oft handelt es sich dabei um ein- bis zweijährige Verpflichtungen, wie im erfolgreichen Kampf gegen die afrikanische Ebola-Pandemie. Zur Vorbereitung werden die freiwilligen Ärzte und Sanitäter nicht nur intensiv für die spezifische Krankheit geschult, die sie behandeln sollen, sondern sind zu Kursbesuchen über Kultur und Geschichte der Einsatzgebiete verpflichtet. Obwohl es wie ein gewagter Vergleich klingt, wird vermutet, dass Guevaras internationalistisches Hilfekonzept unter anderem „Ärzte ohne Grenzen“ inspirierte.

Die kubanische Ärztehilfe begann 1960, als Fidel Castros Revolution gerade die politische Macht übernommen hatte. Bei einem massiven Erdbeben kamen in Chile bis zu 5.000 Menschen ums Leben und Kuba entsandte seine ersten Ärzte und Sanitäter. Che Guevara war jedoch der Ärzteeinsatz in Algerien zu verdanken, das er zum ersten Mal 1963 besuchte.

Algerien ist ein lehrreiches Beispiel internationaler Ärztehilfe

Die medizinische Zusammenarbeit Kubas mit Algerien besteht seit über 55 Jahren. Sie begann mit der Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962. Ein Jahr später kamen die ersten 29 Ärzte, 3 Stomatologen, 15 Krankenschwestern und 8 Gesundheits-Assistenten aus Kuba; ein Kontingent, das gegenwärtig rund 900 Ärzte und medizinisches Personal aus Kuba in Algerien zählt. Dort bietet Kuba medizinische Hilfe in vier Programmen: Augenheilkunde, Mutter- und Kinderbetreuung, Onkologie und Urologie. Augenheilkunde gilt als Spezialisierung, die wesentlich zur Verbesserung der Lebensqualität der Algerier beigetragen hat und in der Einrichtung des Augenklinikums Djelfa im Jahr 2008 gipfelte.

Im Jahr 1998 zogen die kubanischen Ärzte-Brigaden Bilanz. Der Umstand, dass sie viele Menschen behandelten, die noch nie Zugang zu Ärzten gehabt hatten, sollte neu überdacht werden und organisatorische Folgen haben. Sie entschlossen sich daher zur Gründung der Escuela Latinoamericana de Medicina/Lateinamerikanische Schule für Medizin (ELAM), die Studenten mit niedrigem Einkommen aus der ganzen Welt Stipendien anbietet. Ziel ist, dass diese Studenten nach ihrem Abschluss als Gesundheitshelfer in ihre Heimatländer zurückkehren und das dortige öffentliche Gesundheitssystem stärken.

„Ein Patient darf nicht als Geschäftspartner missdeutet werden. Eine öffentliche Gesundheitsversorgung ist ein menschliches Grundrecht, sie darf kein Objekt des Marktes sein“, fordert Kubas Botschafter in Brasilien, Pedro Monzón.

Doch ärztlicher Internationalismus ist nicht alles, was Kuba seit Jahrzehnten zu bieten hat. Auch Medikamenten-Forschung gehört zur medizinischen Exzellenz. Das klingt wie ein Werbespruch, ist jedoch ein Hinweis auf Fakten.

Interferon, der „Grundstein“ epidemiologischer Forschung in Kuba

Zur Stunde, in der weltweit um die Herstellung eines wirksamen Impfstoffs gegen Covid-19 gewetteifert wird, ist das antivirale kubanische Interferon-Alfa-2B-Medikament in vieler Munde. Es zeigte in den vergangenen Wochen hohe Wirksamkeit in China und wurde im Handumdrehen von mehr als zehn Ländern bestellt, darunter einzelnen chilenischen Bürgermeistern.

Interferon ist eines der vielfachen Medikamente, die den Aufbau der kubanischen High-Tech-Bio-Industrie vorantrieben, die seit 1992 im sogenannten „Wissenschaftlichen Pol“ von West-Havanna konzentriert ist, mehr als 50 Institutionen umfasst und 10.000 Angestellte beschäftigt. Von der Herstellung von Impfstoffen und Diagnosesystemen bis hin zur breiten Palette fortschrittlicher pharmazeutischer und biotechnologischer Produkte wurden hier hochwirksame Medikamente zur Behandlung von Krebs und des millionenfach verbreiteten diabetischen Fußes entwickelt.

Der Arzt Santiago Dueñas Carrera, stellvertretender Generaldirektor der kubanisch-chinesischen Firma Changheber, die Interferon in China herstellt, erklärte gegenüber Reuters, dass Interferon zunächst zur Behandlung der im Einsatz gegen Corona befindlichen Ärzte verwendet wurde, um ihr Immunsystem zu stärken. Auf die Behandlung der chinesischen Patienten ausgeweitet, wurden bisher mehr als 200.000 Einzeldosen verbraucht.

Das ursprüngliche Ziel der Interferon-Alfa-2B-Herstellung war die Stabilisierung und Bekämpfung von Krebserkrankungen. Doch wegen seiner günstigen Wirkung auf das Immunsystem verwendete Kuba selbst Interferon viele Jahre lang zur Behandlung verschiedener anderer Krankheiten, darunter Hepatitis B und C, jedoch auch mit Erfolg bei der HIV-Eindämmung von AIDS-Kranken. Die Erforschung und industrielle Herstellung verdankt das Medikament der Initiative Fidel Castros, der zu Beginn der 1980er Jahre eine Gruppe von Wissenschaftlern zur Grundlagenforschung in die USA und nach Finnland entsandte, wo das Medikament seine Ursprünge hat.

Wie wirkt das Medikament bei der Behandlung von Opfern des Corona-Virus?

Interferone werden in drei Kategorien unterteilt: Alpha (die wiederum eine gewisse Anzahl von Untergruppen haben), Beta und Gamma. Interferon leitet sich von „intervenieren“ ab, das heißt, die Virusvermehrung wird gestört. Dabei handelt es sich um eine natürliche Verbindung, deren Funktion darauf abzielt, auf der ersten Reaktionsebene des Körpers einen Hemmungsmechanismus auszulösen.

Gerardo Enrique Guillén Nieto, Direktor der biomedizinischen Forschung in Havanna, erklärt den Vorgang: „Interferon ist auf verschiedenen Ebenen an der Signalübertragung und Induktion der Immunantwort beteiligt”. Mit anderen Worten, es schaltet sich in die Reaktion ein, die wir alle auf das Eindringen eines Mikroorganismus entwickeln und bremst dessen Angriff auf das natürliche Immunsystem ab. Jetzt versuchen kubanische Wissenschaftler ein Peptid des Eiweißabbaus zu entwickeln, um die Struktur der Zelle zu verändern, durch die das neue Coronavirus eindringt. Fallen die Ergebnisse positiv aus, wird der Prototyp gegen die Pandemie zur Prüfung an chinesische Labore geschickt.

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